Gehen oder bleiben? Wie du herausfindest, was für dich richtig ist
- Freigeist Katharina

- vor 7 Tagen
- 6 Min. Lesezeit
Du liegst nachts neben deinem Partner, deiner Partnerin, er:sie schläft. Du nicht.
Du gehst im Kopf dieselben Fragen durch, die du schon hundertmal durchgegangen bist:
Liebe ich ihn überhaupt noch?
Ist unsere Beziehung vorbei?
Übertreibe ich?
Soll ich wegen der Kinder bleiben?
Was, wenn ich gehe und es später bereue?
Was, wenn ich bleibe und in fünf Jahren immer noch genauso unglücklich bin?

Am nächsten Morgen stehen Brotdosen, Arbeit, Wäsche und Zahnarzttermine an. Also funktionierst du weiter. Von außen sieht es vielleicht gar nicht so schlimm aus. Aber innerlich stehst du längst mit einem Bein vor der Tür.
Wenn du nicht weißt, ob du gehen oder bleiben sollst, brauchst du meistens nicht sofort eine Entscheidung. Du brauchst zuerst Klarheit darüber, was in eurer Beziehung tatsächlich passiert, was sich verändern müsste und ob diese Veränderung realistisch ist. (Gehen oder bleiben?)
Du kannst deinen Partner lieben und trotzdem nicht mehr so weiterleben wollen (Gehen oder bleiben?)
Einer der größten Denkfehler lautet:
Wenn ich ihn noch liebe, muss ich bleiben. Wenn ich gehen will, liebe ich ihn nicht mehr.
So einfach ist es nicht. Du kannst einen Menschen lieben und trotzdem unter der Beziehung leiden, die ihr miteinander führt. Du kannst ihn als Freund, Vater eurer Kinder oder vertrauten Menschen vermissen und ihn gleichzeitig nicht mehr als Partner wollen.
Und du kannst Trennungsgedanken haben, obwohl eure Beziehung noch nicht vorbei ist.
Ambivalenz ist kein Beweis für das Ende. Sie zeigt zunächst nur: So, wie es gerade ist, geht es für dich nicht mehr gut weiter.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur:
Liebe ich ihn noch?
Sondern:
Was müsste sich konkret verändern, damit ich in dieser Beziehung wieder gerne lebe?
Frag nicht nur: „Warum will ich gehen?“ Frag auch: „Warum bleibe ich?“
Diese Frage stelle ich in meinen Beratungen immer wieder:
Warum bleibst du?
Zwischen diesen beiden Antworten liegt ein gewaltiger Unterschied:
„Ich bleibe, weil ich diesen Menschen liebe und sehe, dass wir beide bereit sind, etwas Grundlegendes zu verändern.“
Oder:
„Ich bleibe, weil eine Trennung wahnsinnig kompliziert wäre.“
Kinder, Haus, finanzielle Unsicherheit, Angst vor dem Alleinsein, Schuldgefühle und die gemeinsame Geschichte sind keine lächerlichen Gründe. Sie sind real und dürfen ernst genommen werden.
ABER sie sagen noch nichts darüber aus, ob du die Beziehung wirklich weiterführen möchtest.
Untersuchungen zu Beziehungsentscheidungen unterscheiden deshalb sinngemäß zwischen dem Wunsch zu bleiben und den Umständen, die das Gehen erschweren. Menschen bleiben nicht ausschließlich aus Liebe oder Zufriedenheit. Auch gemeinsame Investitionen, finanzielle Verflechtungen, moralische Verpflichtungen und die Angst vor den Konsequenzen können eine Beziehung stabilisieren. Rhoades et al.: Should I Stay or Should I Go?
Das macht dein Bleiben nicht falsch. Aber du solltest wissen, was dich tatsächlich hält.
Die bessere Frage lautet: In welche Beziehung würdest du bleiben?
Stell dir nicht nur eure heutige Beziehung vor. Stell dir vor, es wäre in zwei Jahren noch genauso:
Dieselben Streitereien.
Dieselbe emotionale Distanz.
Dieselbe Verteilung von Verantwortung.
Dieselben nicht eingehaltenen Versprechen.
Dieselbe Einsamkeit im gemeinsamen Bett.
Würdest du bleiben wollen?
Und jetzt die andere Richtung:
Was müsste sich verändern, damit du wieder Freude, Respekt, Nähe oder auch nur ein bisschen Leichtigkeit in dieser Beziehung erlebst?
Bitte nicht:
„Er müsste liebevoller sein.“
Das ist verständlich, aber zu ungenau. Woran würdest du Liebe im Alltag erkennen?
Vielleicht daran, dass er:sie:
dich fragt, wie es dir wirklich geht,
Verantwortung übernimmt, ohne dass du ihn:sie daran erinnern musst,
nach einem Streit nicht tagelang schweigt,
bereit ist, über die Affäre zu sprechen,
deine Grenzen ernst nimmt,
sich mit seinen eigenen Themen auseinandersetzt,
nicht nur verspricht, dass alles anders wird, sondern anders handelt.
Erst wenn du weißt, welche Beziehung du führen willst, kannst du prüfen, ob diese Beziehung mit diesem Menschen möglich ist.
Hoffnung ist noch keine Veränderungsbereitschaft
Viele Menschen bleiben nicht wegen der Beziehung, die sie tatsächlich führen. Sie bleiben wegen der Beziehung, die theoretisch möglich wäre.
Wenn er:sie endlich versteht.......wenn die Kinder größer sind........wenn der Stress nachlässt......wenn sie weniger arbeitet....... wenn ihr wieder mehr Zeit habt.......wenn die Affäre wirklich beendet ist.
Das Problem ist nicht die Hoffnung. Das Problem beginnt dort, wo du Hoffnung mit Veränderung verwechselst.
Veränderungsbereitschaft erkennst du nicht daran, dass dein Partner sagt:
„Ich will dich nicht verlieren.“
Du erkennst sie daran, was danach passiert.
Veränderungsbereitschaft zeigt sich beispielsweise daran, dass dein Partner, deine Partnerin:
dir zuhört, ohne sofort den Gegenangriff zu starten,
seinen Anteil erkennen kann,
deine Gefühle nicht lächerlich macht oder kleinredet,
selbst nach Lösungen sucht,
unangenehme Gespräche nicht ständig vermeidet,
bereit ist, Unterstützung anzunehmen,
Vereinbarungen auch nach drei Wochen noch umsetzt,
Rückschritte ansprechen und Verantwortung dafür übernehmen kann.
Entscheidend ist nicht Perfektion. Menschen verändern sich selten geradlinig. Entscheidend ist, ob eine Richtung erkennbar ist.
Weniger reden, mehr hinschauen: Was tut dieser Mensch tatsächlich?
Bleib auf deiner Tennisplatzhälfte
In einer Beziehung gibt es sinngemäß zwei Tennisplatzhälften.
Auf deiner Seite liegen deine Gefühle, Bedürfnisse, Entscheidungen, Grenzen und Handlungen. Auf der anderen Seite liegen die Gefühle, Entscheidungen und Handlungen deines Partners, deiner Partnerin.
Viele Menschen verbringen ihre gesamte Energie auf der falschen Platzhälfte:
Warum versteht er es nicht?
Wie bringe ich sie dazu, sich zu öffnen?
Was muss ich sagen, damit er endlich zur Paarberatung mitkommt?
Wie verhindere ich, dass sie wütend oder traurig wird?
Damit gibst du deine Handlungsmacht ab.
Deine Frage lautet nicht:
Wie bekomme ich ihn dazu, sich zu verändern?
Sondern:
Was tue ich, wenn er es nicht möchte oder nicht kann?
Das ist unangenehm. I know, aber, da beginnt die Klarheit, die du dir schon so lang wünschst.
Du kannst Bedürfnisse aussprechen, Grenzen setzen, Fragen stellen und dein eigenes Verhalten verändern. Du kannst deinem Partner:in Zeit geben und trotzdem beobachten, was geschieht.
Du kannst ihn:sie aber nicht dazu bringen, Verantwortung zu übernehmen.
Was, wenn mein Partner keine Paarberatung möchte?
Du kannst auch alleine beginnen.
In einer Einzelberatung kannst du sortieren:
Was sind überprüfbare Fakten und was sind deine Befürchtungen?
Was fehlt dir wirklich?
Welche Rolle übernimmst du in euren wiederkehrenden Konflikten?
Wo passt du dich an, obwohl du längst wütend bist?
Welche Grenzen hast du bisher nur gedacht, aber nie ausgesprochen?
Was kannst du verändern?
Und was liegt verdammt noch mal nicht bei dir?
Wenn du dich veränderst, verändert sich häufig auch die Dynamik der Beziehung. Das bedeutet nicht automatisch, dass die Beziehung gerettet wird. Es kann auch bedeuten, dass du klarer erkennst, was nicht mehr tragfähig ist.
Dein Partner, deine Partnerin muss nicht mitkommen, damit du wieder handlungsfähig wirst.
Ist die Beziehung erschöpft, verletzt oder nicht mehr tragfähig?
Diese drei Situationen können sich ähnlich anfühlen, brauchen aber unterschiedliche Antworten.
Eine erschöpfte Beziehung
Ihr funktioniert hauptsächlich noch als Eltern oder Organisationsteam. Nähe, Sex, Neugier und Leichtigkeit sind irgendwo zwischen Wäschebergen und Kinderterminen verschwunden. Grundsätzlich bestehen aber noch Respekt, Verlässlichkeit und Interesse am anderen.
Hier kann viel wieder auftauchen, wenn beide beginnen, die Paarbeziehung bewusst zu gestalten.
Eine verletzte Beziehung
Eine Affäre, eine Lüge, ein Vertrauensbruch oder jahrelange Enttäuschung stehen zwischen euch. Liebe kann noch vorhanden sein, aber Sicherheit und Vertrauen fehlen.
Hier reicht es nicht, „nach vorne zu schauen“. Das Geschehene muss verstanden, Verantwortung übernommen und Vertrauen durch nachvollziehbares Verhalten neu aufgebaut werden.
Nach einem Vertrauensbruch könnt ihr nicht einfach in die alte Beziehung zurückkehren. Die entscheidende Frage ist, ob ihr bereit seid, eine andere aufzubauen.
Eine nicht mehr tragfähige Beziehung
Eine Beziehung wird problematisch, wenn Abwertung, Angst, Kontrolle, Gewalt, massive Grenzverletzungen oder fortgesetzte Täuschung den Alltag bestimmen und keine ernsthafte Bereitschaft zur Veränderung besteht.
Bei körperlicher, sexualisierter oder psychischer Gewalt steht nicht die gemeinsame Beziehungsarbeit an erster Stelle, sondern deine Sicherheit und die Sicherheit der Kinder. Eine normale Paarberatung ist dann nicht automatisch der passende erste Schritt.
Soll ich wegen der Kinder bleiben?
„Ich bleibe wegen der Kinder“ klingt zunächst verantwortungsvoll.
Aber Kinder lernen Beziehung nicht durch das, was wir ihnen über Liebe erzählen. Sie lernen sie durch das, was sie jeden Tag erleben.
Sie sehen:
Wie sprechen Erwachsene miteinander?
Werden Grenzen respektiert?
Darf man Gefühle zeigen?
Übernimmt jemand Verantwortung?
Wird nach einem Streit wieder aufeinander zugegangen?
Oder bedeutet Liebe, still auszuhalten und sich selbst immer kleiner zu machen?
Es geht nicht darum, Kindern eine perfekte Beziehung vorzuspielen. Und eine Trennung ist für Kinder nicht automatisch die bessere Lösung.
Die ehrlichere Frage lautet:
Welche Vorstellung von Liebe und Beziehung leben wir unseren Kindern gerade vor?
Zehn Fragen, die dir mehr Klarheit geben können
Nimm dir dafür Zeit und beantworte die Fragen schriftlich. Nicht so, wie du glaubst, dass du antworten solltest, sondern so ehrlich wie möglich.
Was genau halte ich in dieser Beziehung nicht mehr aus?
Was fehlt mir als Partnerin oder Partner – nicht nur als Elternteil oder Mitbewohner:in?
Welche Beziehung möchte ich stattdessen führen?
Woran wäre diese Veränderung im Alltag konkret erkennbar?
Was davon liegt auf meiner Tennisplatzhälfte?
Was habe ich bisher erwartet, aber nie klar ausgesprochen?
Welche Veränderungen hat mein Partner nicht nur versprochen, sondern tatsächlich umgesetzt?
Bleibe ich überwiegend aus Liebe und echter Hoffnung oder aus Angst vor den Konsequenzen?
Wenn alles so bleibt wie jetzt: Will ich diese Beziehung in zwei Jahren noch führen?
Welche Grenze folgt daraus für mich?
Eine Grenze ist übrigens nicht:
Du musst dich ändern.
Eine Grenze lautet:
Wenn es so bleibt, werde ich etwas Bestimmtes tun.
Wenn du zwischen Gehen und Bleiben feststeckst
Du musst diese Frage nicht alleine in deinem Kopf lösen. In einer SOS-Session sortieren wir, was in eurer Beziehung tatsächlich passiert, was sich verändern müsste und welcher nächste Schritt für dich sinnvoll ist.
Du kannst alleine oder gemeinsam mit deinem Partner, deiner Partnerin kommen, in meine Praxis in Vorarlberg oder online.
Ich freu mich auf dich!



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