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Gefühle zulassen: Warum der Kampf gegen den Schmerz alles schwerer macht

Der Schmerz war nicht das Schwerste. Der Kampf dagegen schon.


Ich habe lange geglaubt, ich müsste nur stark genug sein... dann würde der Schmerz irgendwann verschwinden.


Also habe ich funktioniert.

Mich zusammengerissen.

Weitergemacht.


Doch je mehr ich gegen den Schmerz kämpfte, desto erschöpfter wurde ich. Nicht der Schmerz selbst hat mir die meiste Kraft geraubt. Es war der ständige Versuch, ihn nicht fühlen zu müssen.


Gefühle zulassen

Erst als ich begann, Gefühle zuzulassen, wurde etwas überraschend leichter.

Nicht, weil der Schmerz verschwand, sondern weil ich aufhörte, gegen die Realität anzukämpfen.


Gefühle zulassen heißt nicht, aufzugeben


Viele Menschen haben Angst davor, Gefühle wirklich zu fühlen.

Sie glauben:

"Wenn ich einmal anfange zu weinen, höre ich nie wieder auf."

"Wenn ich den Schmerz zulasse, überwältigt er mich."


Deshalb lenken wir uns ab.

Arbeiten mehr.

Scrollen mehr.

Essen mehr.

Oder funktionieren einfach weiter.


Kurzfristig hilft das. Langfristig bleibt der Schmerz trotzdem da.

Nur zusätzlich kommt Erschöpfung dazu.


Was wirklich passiert

Emotionen sind keine Gegner. Sie sind Signale.


Trauer zeigt uns, dass wir etwas Wertvolles verloren haben.

Angst möchte uns schützen.

Wut weist oft darauf hin, dass eine Grenze überschritten wurde.


Wenn wir diese Gefühle ständig unterdrücken, verschwinden sie nicht.

Sie suchen sich andere Wege.

Sie zeigen sich als innere Unruhe, Gereiztheit, Schlafprobleme oder das Gefühl, ständig angespannt zu sein.


Die Forschung zur Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) zeigt seit Jahren, dass psychisches Leiden häufig zunimmt, wenn Menschen versuchen, unangenehme innere Erfahrungen dauerhaft zu vermeiden. Akzeptanz bedeutet dabei nicht, etwas gutzuheißen, sondern anzuerkennen, dass es gerade da ist.


Die unbequeme Wahrheit

Viele Menschen kämpfen nicht gegen ihren Schmerz.

Sie kämpfen gegen die Tatsache, dass sie Schmerz haben.

Der innere Satz lautet:


"Das dürfte nicht passiert sein."

"Ich müsste längst darüber hinweg sein."

"Ich darf jetzt nicht zusammenbrechen."


Doch genau dieser Widerstand kostet unglaublich viel Energie.


Praxisbeispiel aus meiner Beratung


Eine Klientin verlor nach vielen gemeinsamen Jahren ihren Partner.

Sie sagte:

„Ich halte mich den ganzen Tag beschäftigt. Sobald ich zur Ruhe komme, kommt die Trauer.“

Ich fragte sie:

„Und wie lange möchtest du vor deiner Trauer davonlaufen?“

Sie schwieg.

In den nächsten Wochen begann sie, sich bewusst kleine Zeitfenster zu schaffen, in denen sie ihre Gefühle einfach da sein ließ.


Sie sagte später einen Satz, den ich nie vergessen habe:

„Die Trauer wurde nicht kleiner. Aber sie musste mich nicht mehr verfolgen.“


Gefühle zulassen bedeutet nicht, in ihnen stecken zu bleiben


Das ist ein wichtiger Unterschied.

Gefühle zuzulassen bedeutet nicht, sich in ihnen zu verlieren.

Es bedeutet, sie wahrzunehmen, ohne sofort gegen sie anzukämpfen.

Wie eine Welle.

Sie kommt.

Sie erreicht ihren Höhepunkt.

Und sie klingt wieder ab.

Je weniger wir gegen sie arbeiten, desto leichter kann unser Nervensystem sie verarbeiten.


Mini-Übung: Gib deinem Gefühl einen Platz

Wenn das nächste unangenehme Gefühl auftaucht, versuche nicht sofort, es loszuwerden.

Frag dich stattdessen:

  • Was fühle ich gerade wirklich?

  • Wo spüre ich dieses Gefühl in meinem Körper?

  • Was verändert sich, wenn ich es für zwei Minuten einfach da sein lasse?


Reflexionsfragen


  • Gegen welches Gefühl kämpfe ich gerade am meisten?

  • Was würde passieren, wenn ich aufhöre, es wegzudrücken?

  • Welche Geschichte erzähle ich mir über meinen Schmerz?

  • Was braucht dieser Anteil von mir gerade wirklich?


Fazit: Gefühle wollen nicht gewinnen. Sie wollen wahrgenommen werden.


Gefühle zuzulassen ist keine Schwäche.

Es ist eine Fähigkeit.

Schmerz gehört zum Leben.

Verlust gehört zum Leben.

Enttäuschung gehört zum Leben.

Wir können uns das nicht aussuchen.

Aber wir können entscheiden, ob wir zusätzlich gegen die Realität kämpfen.

Nicht jeder Schmerz wird schnell verschwinden.


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